Die globale Verbreitung der sozialen Medien war anfangs vom Beifall zivilgesellschaftlicher Akteure begleitet, die in ihnen die ersehnte technische Infrastruktur einer basisdemokratischen, deliberativen Öffentlichkeit sahen. Mittlerweile zeigt sich überdeutlich ihre eigene Dialektik, das destruktive Potenzial der so genannten sozialen Netzwerke.
Wo sich die westliche Lebensweise durchgesetzt hat, sind inzwischen Staat und Recht dem bestimmenden Einfluss religiöser Autoritäten weitgehend entzogen. In zwei Bänden mit insgesamt über 1.700 Seiten hat Jürgen Habermas nun diesen Prozess aus dem Blickwinkel des Philosophen als eine, wie er selbst einräumt, auf den okzidentalen Pfad »eingeschränkte« Genealogie des postmetaphysischen Denkens akribisch nachgezeichnet und andererseits darüber reflektiert, unter welchen Bedingungen eine Globalisierung dieses Prozesses zur Grundlage einer gerechten und allgemein akzeptierten Weltordnung führen könnte.
Habermas geht es nicht um eine Entzauberung oder gar eine Widerlegung des Glaubens, sein Interesse gilt dem Prozess der allmählichen »Entkoppelung des Glaubens vom Wissen vor allem im komplementären Hinblick auf eine Philosophie, die sich nun ihrerseits vom Glauben löst und ihre Probleme im wissenschaftlichen Geiste, also – ungeachtet des persönlichen Bekenntnisses – in der methodischen Einstellung des ›etsi deus non daretur‹ behandelt.«
Das gibt es also noch: Einer wie Jürgen Habermas wagt es, auf die Einigung Europas als Vorstufe zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft zu blicken, in die sich die Europäische Union jenseits von politischer und ökonomischer Selbstbehauptung nahtlos einfügen werde.
Was immer sonst aus Anlass seines 80. Geburtstags zu Person und Wirken des Jubilars anzumerken sein mag, Würdigendes, Rühmliches oder auch Kritisches, einer Feststellung gebührt der Vorrang: Jürgen Habermas, der Philosoph, der Intellektuelle, der Bürger, ist für die zweite Demokratie in Deutschland ein Glücksfall. Als akademischer Lehrer und Analytiker der Gegenwart hat er über eine Spanne von fünf Jahrzehnten hinweg das Gemeinwesen zuverlässig und wirkungsmächtig begleitet. Als Wächter und Mahner war er auf öffentlicher Bühne stets zur Stelle, wenn in Grundfragen der Demokratie falsche Weichen-stellungen drohten. Und mit seinen Interventionen und Zwischenrufen hat er wie kaum ein zweiter die politische Kultur des Landes mitgeformt.